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Vorgemerkt: Notizhefte zur dOCUMENTA (13)

von Gila Kolb

Erschienen in K+U Nr. 361, April 2012

dOCUMENTA (13): 100 Notizen – 100 Gedanken (100 Notes – 100 Thoughts). N°001-055, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2011-2012, Deutsch/Englisch, je 24-28 Seiten, var. Abb., var. ISBN, € 4, 6 oder 8,-
Übersicht der einzelnen Titel: http://d13.documenta.de/de/panorama/#de/publications/

Im Vorfeld jeder documenta stellt sich die Frage, welche Informationen zur Formierung und Positionierung der Kasseler Weltausstellung veröffentlicht werden können. Dabei geht es nicht nur um die Kommunikation einer programmatischen Ausrichtung, sondern auch um eine theoretische Fundierung der kuratorischen Arbeit. In diesem Jahr kommt diese Aufgabe vor allem den bisher 55 von geplanten 100 „Notizbüchern“ zu.

Das Notizbuch als ein Medium der Aufzeichnung ist ein altes. Es ist eine Form der persönlichen Gedächtnisstütze, mit der subjektive Wege der Erkenntnis dokumentiert werden. Anders als etwa beim Tagebuch, gilt das Interesse einer wissenschaftlichen Aufzeichnung für eine spätere Forschung, die bisweilen der Nachwelt erhalten bleibt (N°014, N°045, N°050, N°055). Notizbücher finden Verwendung in Feldern der Kulturanalyse, dem Entwurf von Text, Kunst oder Theorie – und darauf scheint das Interesse der Serie 100 Notizen – 100 Gedanken (100 Notes – 100 Thoughts) der dOCUMENTA (13) gerichtet zu sein.
Notizen machen sich Forschende, Schriftstellerinnen ebenso wie Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen. Dem folgend sind auch die Autorinnen der 100 Notizen – 100 Gedanken Forschende, die einen Blick in ihre Notizen gewähren, Beiträge dafür entwickelt haben, oder bereits entstandene kommentieren. Diese sind von unterschiedlichster Form und zeitlichem Kontext. Sie entstanden in Kollaborationen, Dialogen, wurden aus Archiven entnommen oder produziert. Die Autorinnen gehören dabei unterschiedlichsten Generationen und Professionen an. Von Kommentaren zum zeitgenössischen politischen Geschehen (N°034, N°048) über Rechercheergebnisse künstlerischer Projekte, die einen Vorgeschmack auf das geben können, was Themen der Ausstellung sein könnten (N°004, N°008, N°025, N°032, N°035, N°037, N°041, N°043) bis zur Reflektion des Notizbuchs selbst (N°001, N°030) reichen die Themen. Weitere Inhalte sind Auseinandersetzungen mit der Stadt Kassel und ihrem Umgang mit Geschichte (N°002, N°004, N°016, N°041), Beobachtungen kultureller oder naturwissenschaftlicher Phänomene (N°014, N°046), ein Lexikon zu Afghanistan (N°023) oder der Entwurf eines so nie realisierten Films (N°014). Das bisher ausgegebene Leitmotiv der dOCUMENTA (13) „Collapse and Recovery“ lässt sich daraus immer wieder ableiten. Doch darüber hinaus werden kulturelle Phänomene notiert: So etwa die Rituale der Begrüßung oder der Gastfreundschaft (N°043, N°024), die der Unleserlichkeit von Notizen, bei der Schrift die ins Bildhafte übergeht (N°030).

Warum es sich lohnt, sich näher mit den Heften auseinanderzusetzen, möchte ich mit den Worten Michael Taussigs (N°001) begründen: „Wir glauben, dass wir einem Verstand bei der Arbeit zusehen und ihn gewissermaßen belauschen können.“ (S.17). Das „Lauschen“ gelingt bei den unter der Redaktion von Katrin Sauerländer sorgfältig edierten Notebooks nicht nur dann, wenn es sich um Faksimile (N°005, N°045, N°050, N°014, N°039, N°055) oder künstlerische Arbeiten handelt (N°006, N°009, N°024, N°032, N°035, N°037), sondern auch, wenn Essays (N°001, N°010, N°012, N°013, N°022, N°023, N°027, N°033, N°034, N°036, N°044, N°046, N°052), Erzählungen (N°011, N°018, N°031, N°047) oder Gedichte (N°020) „aufgezeichnet“ wurden.

Die anfänglich überwältigende und durchaus verwirrende Vielstimmigkeit, die sich bei der Durchsicht der Titel- und Autorenliste einstellt, weicht rasch einer Vorfreude auf die unterschiedlichsten Arten, auf 24-28 Seiten einen Gedanken, der sich auf die eine oder mehrere Weisen auf unsere Zeitgenossenschaft und Geschichtlichkeit bezieht, zu verfolgen. Einzelne Themen nach eigenen Interessengebieten herauslesen zu können, gehört hier genauso zum Konzept wie die Leichtigkeit der einzelnen Hefte, deren Format irgendwo zwischen Magazin und Schulheft changiert. Ähnlich, wie sich erst im Nachgang die Ausstellung dOCUMENTA (13) zu einem kompletten Bild fügen wird, sind die Notizbücher, die Bettina Funcke als eine „Art Time-Capsule“ bezeichnet, eine erhellende, wenngleich konzeptuell höchstens individuell synthetisierbare Ausstellungsvorbereitung.

Gila Kolb