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Kurator als Medium

freitag.de // Hans Ulrich Obrist

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Hans Ulrich Obrists neues Buch liefert das zeitgemäße Bild des Ausstellungsmachers – und passt zum Streit um die neue Leitung der Berliner Volksbühne // Sie war noch ein Gerücht, die Wahl eines Kunstkurators zum Intendanten eines bedeutenden hauptstädtischen Theaters, da verkündete ein bekannter Kunstsammler, eine solche Wahl wäre „das Beste, was passieren könnte für Berlin“. Ob sie’s dann auch fürs Theater wäre, war nicht so wichtig. Nur im Hintergrund wurde die Frage gestellt, ob die Gründe für eine derartige Entscheidung, ganz unabhängig von der unbestrittenen Qualifikation des Kurators, vor allem in Motiven des Standortmarketings zu suchen waren.

Gemessen an der Medienaufmerksamkeit, offenbar gelenkt durch gezielte Indiskretionen, gemessen am Aufmerksamkeitswert der Namen, die zwei Jahre vor Beginn der Intendanz schon in Umlauf gebracht wurden, darf man sagen: mission completed. Die Personalie Chris Dercon macht den politischen Einfluss deutlich, den der Kunstkurator mittlerweile erlangt hat: keine Aufgabe zu klein; nichts, was ihm nicht zugetraut wird. Für eine durch Demografie und leere Kassen stark verunsicherte politische Klasse stellt der Kunstkurator eine neue Versicherung dar, dass man auf die Unterstützung meinungsbildender Leute und Medien ebenso zählen kann wie auf ein mit den richtigen Namen bestücktes Telefonbuch. Der Kunstkurator dämpft die Angst vor der Kunst, vor der „Wut eines Einzelnen, der sich ins Halbdunkle einer Höhle zurückgezogen hat“ (der scheidende Intendant im Gespräch). Er verkörpert die Hoffnung, dass es flutscht mit der Kreativwirtschaft. Er ist ein Versprechen auf Ordnung in einer zunehmend unverständlicheren Welt. Je verstörender zeitgenössische Kunst, desto dringlicher das Bedürfnis nach Erklärung und Orientierung durch Diskursmaschinen. // weiter mit lars-henrik-gass bei  freitag.de