Ausstellung Post-/Trans-/Superhuman: Konzepte + Beiträge

Vivien Grabowski – Radikand:
Skizze_Radikand_Teil1_VivienGrabowskiBeginnen wir beim Titel der Installation. Er verweist auf dreierlei. Und er macht dabei eine Differenz zwischen gesprochener Sprache und Schrift auf [1]: Hier kreuzen sich mathematischer, biologischer und philosophischer Diskurs:
Für den Mathematiker ist ein „Radikand“ die Zahl, aus der die Wurzel gezogen werden soll. Also das Ding, dessen Ursprung man sucht. Das, was reduziert werden kann. Und erst die Operation des Wurzelziehens macht eine Zahl zum Radikand.
Philosophischer und biologischer Diskurs sind hier kaum zu trennen. Der französische Philosoph Nicolas Bourriaud ‚entlehnt´ den Radikant aus der Botanik und pflanzt ihn als Figur in den Denkraum der europäischen Philosophie ein. Wie nur können wir den einzelnen Menschen denken? Als Baum? Nein, wie vorsinnflutlich! Als Rhizom? Nein, nicht radikal genug! Als Radikant? Ja!
Einige Sekunden genügen, um Google das Geheimnis zu entlocken, dass Radikante in der Biologie zwar existieren, aber als Begriff keine große Relevanz zu haben scheint. Man spricht eher von „Kormophyten“. Pflanzen wie die Erdbeere oder der Efeu. Und auf einmal wird das ‚natürliche‘ Wort zum ‚Kunstwort‘, zum Kunstgriff.
Aus diesen Vorüberlegungen heraus wird eine Pflanzen-Installation entstehen, die ähnlich wie die Semantik des Titels aus mehreren Teilen besteht und dabei Innen- und Außenraum berührt.
Der Radikand zeigt sich im Ganzen geformt, isoliert und in sich stabil. Analog zum In-Szene-Setzen der philosophischen Idee seitens Bourriaud wird hier die künstlich geformte Pflanze in das Licht der Kunstwelt gestellt. Das im Pflanzentopf steckende Schild, welches Auskunft über die Gattung und Anleitung zur Pflege bietet, markiert ebenso ironisch die Distanz (oder Nähe) zwischen alltagskulturellem, philosophischem und künstlerischem Diskurs. Das D am Wortende könnte hier auch ein Schreibfehler sein.
[1] analog zu Jacques Derridas différance.

Laura Müller:

Abbildung 1: Still aus Cécile B. Evans Hyperlinks or It Didn't Happen (2014),  HD Video (courtesy the artist)

Abbildung 1: Still aus Cécile B. Evans Hyperlinks or It Didn’t Happen (2014), HD Video (courtesy the artist)

Statistiken zufolge sind fast 30 Millionen Menschen alleine in Deutschland aktive Nutzer des sozialen Netzwerkes Facebook. Die Anzahl unserer digitalen Existenzen steigt noch weiter, wenn man soziale Netzwerke wie google+, Instagram, twitter und weitere hinzufügt. Doch was passiert eigentlich mit unseren Accounts, wenn wir nicht mehr leben? Bisher können Verstorbene noch keine Fotos auf Facebook teilen. Doch ist es nicht paradox, dass wir Backups unserer Computer und Smartphones anfertigen, nicht aber von unseren Ideen, Gefühlen, von unserem Gehirn? Nach dem Tod des Schauspielers Phillip Seymour Hoffman, im Jahr 2014, kam die Diskussion auf, ihn in seiner laufenden Serie durch einen Avatar ersetzen zu lassen. Die Künstlerin Cécile B. Evans greift diese Idee in ihrem Video Hyperlink or it Didn’t Happen auf und lässt den verstorbenen Schauspieler als computeranimierten Avatar vor einer Bilderflut aus Netzfundstücken zum Leben erwecken. Der Künstler Ed Atkins hat sich bereits zu Lebzeiten eine digitale Existenz als Avatar erschaffen, wie in seinen Arbeiten Warm, Warm und Ribbons zu sehen ist. Ist es möglich, durch die Einspeisung unserer Daten unsere körperliche Existenz zu überwinden und uns eine digitale Existenz für die Ewigkeit vorzubereiten?

Abb. 2: Skizze Ausstellungsansicht

Abb. 2: Skizze Ausstellungsansicht

In der künstlerischen Arbeit zu dieser Fragestellung werden einzelne Fotografien aus einer privaten Diasammlung, die in diesem Jahr für 60 Euro auf ebay erworben wurde, präsentiert. Einzelne Fotos dieser Sammlung, die ursprünglich für den privaten Gebrauch gedacht war, wurden digitalisiert, vergrößert und in das digitale Archiv Instagram überführt, wo sie durch Kommentare und likes eine neue Wertigkeit und einen neuen Kontext erhalten. In der Ausstellung sollen einzelne dieser Fotografien mitsamt den Reaktionen in Form von lebensgroßen Plakaten/ Transparenten präsentiert werden. Die Fotografien sollen dabei für sich im Großformat auf der Vorderseite zu sehen sein, während die Kommentare von Instagram auf der Rückseite aufgelistet werden.

Jakob Sponholz:
Während meiner Auseinandersetzung mit der Thematik Superhuman/Transhuman setze ich mich aktuell mit der Entwicklung der Mobilität von Menschen mit Körperbehinderung auseinander.
Besonders interessiert mich die Entwicklung des Rollstuhls über den elektronischen Rollstuhl hin zur nächsten Stufe, die ich in meiner Arbeit näher beschreiben möchte.
Zu Beginn meiner Auseinandersetzung stand ich vor folgender Frage: Möchte ich Hinweise auf die zukünftigen Erfindungen mit Fundstücken aus den Medien darstellen oder möchte ich meine eigene Variante erarbeiten und künstlerisch umsetzen?
Ich habe mich dazu entschlossen, ein Statement zu setzen für das, was möglich ist.
Für das, was vielleicht kommen wird.
Für das, was ein echter Fortschritt sein könnte.
Für den Fortschritt im klassischen Sinne.

Svenja Wendt :
Durch die Möglichkeiten, die uns heutzutage, durch das Internet und die digitale Bearbeitung gegeben sind, fällt es nicht mehr schwer sich ein zweites Dasein im digitalen Netzwerk aufzubauen. Das reale Selbst spielt dabei keine Rolle mehr und kann vollkommen abgelegt werden. Der Bezug der Realität wird vergessen und jegliche Makel verschwinden. Das einzelne Individuum wird zu einem Wesen, dessen Geschlecht frei gewählt werden kann und die Grenzen des körperlichen Seins, können ohne Probleme beiseitegeschoben werden. Der Mensch entspricht hier, den persönlichen Vorstellungen von Schönheit und Unnahbarkeit. Somit ist der erste Schritt zum Menschen der Zukunft bereits gewagt. Zu mindestens können wir uns dies schon heute, durch das virtuelle Sein vor Augen führen. Das die Grenzen zwischen der Realität und dem perfekten Idealbild verschwimmen, kommt gerade in diesem Umfeld besonders gut zum Vorschein. Denn nicht nur äußerlich, kann das digitale Selbst überzeugen, sondern auch seine Fähigkeiten sind frei wählbar und bieten viele Möglichkeiten zur Entfaltung. Spiele wie „die Sims“ oder „Second Life“ sind gute Beispiele für diese Entwicklung. Um die Thematik und Problematik, der momentanen Situation sichtbar zu machen, ist es mein Ziel auf zu zeigen, in wie weit unsere Sicht auf die Realität und das digitale Sein bereits verschwommen ist. Daher mache ich eine Fotoreihe, von „Schnappschüssen“ aus einem dieser Spiele. Bei den Fotos allerdings, handelt es sich nicht um simple Screenshots, sondern um Aufnahmen aus einer Sofortbildkamera. Diese Methode erlaubt es mir, Motive zu „schießen“, welche nicht inszeniert und planbar sind, denn was letztlich auf den Bildern zu sehen ist, ist schwer von Realität und Spiel zu unterscheiden. Gerade „die Sims“ bieten durch ihren Aufbau, eine gute Vorlage zum Arbeiten. So habe ich hier die Möglichkeit, Charaktere frei nach meinem Willen zu gestalten und leben zu lassen. Schon allein deswegen gehört dieses Spiel auch zu den beliebtesten Simulatoren weltweit. Und dies ist auch das Stichwort: Simulation. Denn nichts was in diesen Spielen zu sehen ist, entspricht der Realität und doch müssen wir schon jetzt lernen diese zu unterscheiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.