Hinweise und Ratschläge, die Nähe auszuhalten

Karl-Josef Pazzini, Hamburg, den 15. Juli 2002

„Die postkoloniale Gegenwart ist eine Welt der Nähe, nicht eine Welt des Anderswo“ (Okwui Enwezor).

HINWEISE UND RATSCHLÄGE, DIE NÄHE AUSZUHALTEN

  • Sie werden fernsehen müssen. Viele Monitore und Projektionen kommen auf Sie zu.
  • Die Documenta11 findet keinen Ort, trotzdem findet sie statt. Die Ausstellung sucht nach Räumen und Zeiten. Nicht nur in Kassel und nicht nur für hundert Tage.
  • Die Documenta ist dieses Jahr nicht in Kassel, nicht nur in Kassel, sondern schon letztes Jahr in Wien und Berlin, in New Delhi, in St. Lucia und in Lagos .
  • Die Docucumenta11 ist die erste Documenta, bei der ganz klar wird, dass Sie nicht dabei waren, auch wenn Sie vielleicht in Kassel alles gesehen haben, was sowieso unmöglich ist. Sie werden merken, dass die Zeit nicht reicht, dass Sie aber nur deshalb Zeit haben. Und vom Raum haben Sie auch zuviel und zuwenig.
  • Wenn Sie zur Binding Brauerei fahren werden, werden Sie damit konfrontiert, dass hier Bezeichnendes umgenutzt worden ist. Auch die Orangerie ist keine. Der Kulturbahnhof ist ein Zwitter. Und so werden auch die ausgestellten Arbeiten sein.
  • Fassen Sie doch die Documenta11 als einen Test auf: Wie viel Nähe vertragen Sie? Wieviel Ferne brauchen Sie? Woraus werden gegenwärtig Grenzen gemacht? Etwa die Grenzen zwischen zwei Staaten, zwischen Kunst und Dokumentarfilm, zwischen white box und black box, zwischen Innen und Außen, zwischen dem immer noch untergehenden Abendland und der anderen Welt, zwischen der europäischen (Kunst-)Geschichte und den anderen (Kunst-)Geschichten?
  • Die Documenta11 ist als Ausstellung einseitig. Vielseitigkeit ent-steht erst im Moment des Aufeinandertreffens mit dem Besucher. Insofern ist sie eine Ausstellung und die Konstellation von Wunschdisplays, die sich zur Füllung an Besucher wendet. Sie stellt eine Vermutung über, eine Zumutung für Besucher dar, und alle die, die nicht hinkommen können. Nehmen sie beque-me Schuhe mit. Und denken Sie daran: Märchenhaft sind nur Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat …
  • Es ist darauf zu achten, dass die Installationen, Objekte, Projek-tionen der Documenta11 geladen sind. Es steckt darinnen soziale Energie. Ebenso sind Sie geladen. Nicht zuletzt durch die Energie, die Sie aufwenden mussten, um zur Plattform5, der Ausstellung selber, zu gelangen – von den Kosten ganz abgesehen. Es besteht die Gefahr von Kurzschlüssen. So sagte ein bekannter Kritiker auf die Arbeiten von Bodys Isek Klingelez zeigend; „Bestenfalls auf dem Niveau einer Anfängerklasse!“. Viele solche Kurzschlüsse waren schon in Tageszeitungen nachzulesen.
  • Die Documenta11 wird Sie zum Laien machen können, zu einem, der sein Wissen vergisst, zu einem, der sich nicht mehr auskennt. Statt zu neuen/alten gesicherten Erkenntnissen und Deutungen zu kommen, werden Sie die Documenta11 vielleicht erkennen müssen – im Sinne der Bibel –, was ja lieben und anerkennen heißt, denn die Documenta11 ist inkommensurabel mit dem, was man immer schon weiß, mit dem Orientierungs-wissen. Die Documenta11 ist unangemessen. Als Besucher könnte man maßlos oder unmäßig werden.
  • Ein Aufmerksamkeitsanreger für die Analyse der Documenta11 könnte deshalb sein, zu beobachten, wie die Einbildungskraft arbeitet, sich ermächtigt. Sie ist nämlich in sich selbst gewalttä-tig aufgrund der Spannung zwischen Auffassung und Zusammenfassung. Es kommt immer mehr rein, als man sortieren kann. Die Zusammenfassung kann mit der Auffassung nie Schritt halten. Postkolonial bestimmt nicht mehr (In der Türkei z.B. sprechen sich die Islamisten für einen Beitritt zur EU aus, weil sie sich davon Religionsfreiheit, also einen starken Einfluss im laizistischen türkischen Staat versprechen. Die Kemalisten, die ursprünglich an den Freiheiten und dem Laizismus Europas orientiert waren, fürchten den größeren Einfluss der Islamisten und dass sie von der EU genötigt werden könnten, Minderhei-tenrechte einzuräumen). Dieser Hiatus wird umso größer, je öfter das Begreifen abgleitet.
  • Angenommen, Sie wollen sich auf der Documenta11 bilden: Der beabsichtigten Bildung steht Ihre Vorbildung entgegen. Nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Aber vielleicht als Widerstand oder als Abwehr. Der Widerstand ist notwendig, die Abwehr macht dumm. Der Widerstand gibt dem aufgefassten eine erste Form. Damit kommt man dann vielleicht weiter. Mit dem Widerstand gilt es zu arbeiten. Bildung heißt, in Beziehung zu setzen. Im Café, gleich am Fridericianum gibt es kein Sauerkraut, aber Falafel.
  • Die Documenta11 macht vieles unsichtbar durch all das, was sie zu sehen gibt.
  • Die Documenta11 entsteht in einem Prozess einer Übertragung als Kreuzung. Die Kreuzung werden Sie selbst sein (z. B. Wolpertinger oder Wollmilchsau). Übertragung ist der Vorgang, der ausgelöst wird, wenn man versucht, sich in Beziehung zu setzen. Es werden die alten eingefallenen Bilder durch neue aktiviert, übereinander geschichtet. Die Ausstellung ist der Widerstand, der wie ein Bildschirm, eine Projektionswand funktioniert, der etwas erst wahrnehmbar macht, was Sie vielleicht schon lange „wussten“, sich aber nie zu wissen getraut haben. Auf dieser Projektionsfläche treffen Welten zusammen (wahrscheinlich etwa 187). Seien Sie dankbar, dass es eine solche Fläche gibt! Schimpfen Sie nicht über den Boten, der Ihnen (verschlüsselte) Nachrichten bringt! Es sei denn Sie haben den begründeten Verdacht, dass die Botschaften gefälscht worden sind vom Boten selbst.
  • Die Documenta11 ist ein Forschungsprojekt innerhalb oder von innerhalb der Kunst her. Wie das zu verstehen ist habe ich näher erläutert (vgl. KJP: documenta(tion von Forschung –)11(.Auflage). In: Kunst + Unterricht 263. Juni 2001, S. 41 – 44). Sie greift aus ins Politische, ins Philosophische, ins Ökonomische, ins Ethnologische, ins Psychoanalytische, ins Historische … Ich jedenfalls freue mich, dass ein solcher Diskurs mit Berührungen zu einer großen Öffentlichkeit, dargestellt in einer Aus-stellung – nicht als Abschluss – noch irgendwo möglich ist.

Morgen werde ich zur Documenta11 fahren.

Der obige Text verdankt sich der Lektüre der Texte zu den Plattformen, Presseberichten, Gesprächen, der Lektüre des Katalogbuches der documenta X, dem Vorwort zum Katalogbuch der Documenta11, einem Ausschnitt aus einer arte Sendung über die Documenta11 und dem schon orientierungshalber gekauften Kurzführer.

Gestern war ich auf der Documenta11 für drei Tage. Und es hat mich gereizt, in den obigen Text nachträglich Künstler- und Gruppennamen einzusetzten. Das habe ich doch nicht getan.

Stattdessen vier nachträgliche Hinweise und eine Warnung:

  • Sie werden vielleicht erfahren, dass Sie mitgenommen sind, dass sie benommen sind, vielleicht still begeistert, aber ausdrucksarm, dass Sie vielleicht nach einiger Zeit anfangen zu reden, vielleicht sogar delirant, dass sie etwas sehen, was andere nicht sehen (Halluzination). Sie werden sich vielleicht sagen, dass Sie dies oder jenes schon gesehen haben, aber Ihnen partout nicht einfallen will, wann und wo. Psychoanalytisch gesehen wären das alles Merkmale, die auch bei einer Psychose auftre-ten. Die mitteleuropäische Version, das Imaginäre (die je individuelle und kollektive Vorstellungswelt) mit dem Symbolischen in eins zu bringen – eine Bezeichnung verbindet sich fest mit ei-nem Bezeichneten und so hat man Orientierung und Macht – wird arg herausgefordert. Z.B. ein afrikanischer Stoff ist kein afrikanischer Stoff ist aber ein afrikanischer Stoff . Die schönen neurotischen Strukturen, die in der Wissenschaft und in der Bürokratie bevorzugten zwangsneurotischen Strukturen, können dabei zerbröseln.
  • Wahrnehmungsvorschlag: Die einzelnen Arbeiten auf der Plattform5 der Documenta11 sind Bindungen, so wie die am Ski, von unterschiedlichen Zeiten und Räumen, von Personen. Ihre Hinwendung zu den Arbeiten könnte Sie herauslocken aus dem Dunkel der mit gewohnten Denkweisen nicht erfassbaren Zusammenhänge. Sie bieten ein Herauskommen aus der „Nacht der Welt“ (Hegel), jenem Aufspringen des als Kontinuum gedachten Übergangs von Natur und Kultur. Da ist aber kein Kon-tinuum. Es gibt keine natürlich gewachsenen Bezeichnungen (=Kultur) und Zusammenhänge. Zusammenhänge werden durch Sprünge erst möglich. Manchmal sind die Sprungweiten sehr groß. Deshalb sitzen da Gegenstände, Installationen, Filme, wie Stützen, Hängebrücken, Fallleitern, aber auch Fallen. Das Bild ist allerdings schief: Die ausgestellten Arbeiten sind auch aktiv, liegen nicht nur passiv herum oder baumeln vom Himmel. Oder noch mal anders: Sie werden zu Gelenkstellen fürs Sehen, fürs Hören, fürs Riechen, für die Ausrichtung im Raum, für den Fluss der Zeit. In diesem Fluss sind sie Orientierungsmerkmale. Viel-leicht auch Behältnisse für Spuren, als Träger von Darstellung. Jetzt ist es an Ihnen, diese Bindungen wieder zu lösen oder sich lösen zu lassen. Und Sie werden merken, dass all die Ausstel-lungselemente nichts repräsentieren als eben die Krise der Dar-stellbarkeit. Anders formuliert: Die Ausstellung stellt die Frage: Wie soll man all das darstellen? All das? Das, was z.B. Globalisierung genannt wird. Und welche Folgen das hat.
  • Die Documenta11 ist eine gute Ausstellung. Eine „gute“ Ausstellung ist eine Vorgabe. Eine „schlechte“ Ausstellung ist eine, in der das Publikum genauso reagiert (und das noch freiwillig), wie die Ausstellungsmacher das vorgesehen haben. Eine ganz schlechte Ausstellung wäre eine, von der man zufrieden und in Frieden nach Hause geht. Eine schlechte Ausstellung ist wie ein Foto aus den besten Jahren.
  • Die Documenta11 hat leicht erkennbare Schwächen. Das Aus-stellungsdesign ist ziemlich museal, zumindest im Fridericianum. In der Binding-Brauerei ist dies zum Glück schief gegangen. Die einzelnen Ausstellungsräume sind vielleicht museal. Insgesamt bleibt aber ein labyrintischer Gesamteindruck. Es gibt nicht die hervorragenden Arbeiten, aber viele Kleinigkeiten.
  • Warnung: Der Kurzführer der Documenta11 steht bei den meisten Beiträgen zur tatsächlichen Ausstellung in einem ähnlichen Verhältnis, wie wenn die Gebrauchsanweisung für eine Schreibmaschine versehentlich einem Computer beigelegt worden wäre.

Schluss:
Ich habe mich nach dem ersten Besuch der Documenta schon mit vielen gestritten. Ich habe viele Einwände gegen meine eher positive Ein-schätzung aufgenommen. Viele haben Recht mit ihrer Kritik. Viele Kritiker kommen an die Grenze bisherigen Denkens und Wahrnehmens. Auch diese Kritiken sind Bestandteil der Documenta11. Es gibt kein Anderswo, kein Außerhalb. Nur in den kleinen Pausen dazwischen. Davon gibt es viele – auch in Kassel. Ich freue mich daran, dass Enwe-zor und sein Team dieses Wagnis eingegangen sind. Alleine eine solche Haltung ist anregend.

Karl-Josef Pazzini

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.