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Liebe zum Selbst (Dick)

Wie lässt man Studierende frei, sich selbst und den eignen Ausdruck zu finden – in Zeiten von allumfassend herrschendem Termindruck, entpersonalisiertem Creditsystem, vereinheitlichender Modularisierung, hoher Leistungserwartung- und kontrolle?
Während andere Studierenden der Universität zu Köln Mittwochs im Sommersemester 2016 zwischen 14:00 und 15:30 Uhr in Seminaren ihre Zeit in der Uni absaßen, waren die Studierenden im Seminar „Liebe zum Selbst“ aufgefordert, diese Zeit allwöchentlich selbstverantwortlich zu nutzen und zu gestalten, indem sie eigens erwählte Handlungen ausprobierten, die sie für geeignet hielten, zu lernen, sich selbst zu lieben.
Sie schickten hierfür der Dozentin Julia Dick immer jeweils spätestens am Abend vor der nächsten offiziellen Seminarzeit eine Handlungsanweisung und versprachen diese am eigenen Körper und im eigenen Leben während der Seminarzeit in Eigenregie auszuprobieren.
Spuren, Dokumente und Reflexionen die dabei entstanden sind, veröffentlichten die Seminarteilnehmer anonym fortwährend auf einem Blog. Während des Semesters entstand so ein gemeinsames dynamisches Archiv an möglichen Handlungsanweisungen für die Selbstliebe. Der Blog ist einsehbar unter https://liebezumselbst.wordpress.com

Auswahl exemplarischer Beispiele aus den Blogeinträgen der Studierenden:

ICH VERSCHICKE EINE FLASCHENPOST

 

ICH TANZE IM REGEN

 

ICH BESORGE MIR EINE HÄNGEMATTE UND ENTDECKE RUHEPHASEN IM ALLTAG

 

ICH RUFE/ SCHREIBE ALLE AN, DIE ICH LIEBE. UND TEILE IHNEN MIT, WIE SEHR ICH SIE LIEBE.

Menschen die man liebt.
liebt man wirklich.
vom Herzen.
Nichts erzwungenes.
Ihr Dasein.
Ihre Wärme.
Wohlbefinden.
Für ein Moment.
Ohne Anlass.
Zeige ich meine Liebe
Ein Anruf. Eine Umarmung. Eine Nachricht.
Überrascht
Voller Liebe
Ein Lächeln
Ein wertvoller Dialog
von ein paar Minuten.

 

ICH BIETE 90 MINÜTIGEN MASSAGEN FÜR JEDERMANN, UND LIEBE MICH DURCH DIE LIEBE FÜR ANDERE

 

ICH GEHE IN DIE STADT UND PROBIERE SCHÖNE KLEIDER AN

 

ICH ERINNERE MICH AN JEDE EINZELNE MEINER NARBEN

Die unter meinem rechten Fuß

Im Urlaub in Holland bin ich am Strand in eine Muschelscherbe getreten, ich
muss in etwa 3 Jahre alt gewesen sein. Die Geschichte kenne ich demnach nur
von Fotos und aus Erzählungen. Am schlimmsten fand ich scheinbar die braune Salbe,
mit der ich täglich verarztet wurde und über die sogar ein Lied entstanden ist,
das ich mir manchmal noch immer von meinen Tanten anhören muss:
Ich mag die braune Salbe nich’ so gerne…

Die am linken Ellenbogen

Hingefallen, bei uns in der Straße, mit dem Puky-Roller.

Die in der Leiste

Leistenbruch als Baby. Mehr weiß ich nicht.

Die am linken Handgelenk

Daran erinnere ich mich! Mit dem Tomatenmesser geschnitten, das ich seit dem meide.

Die am linken Knie

Das war der Sturz mit dem Tandem in Holland, Sommer 2010. Ich saß hinten, meine
Freundin hat gelenkt und plötzlich lagen wir auf dem Boden. Zurück zum Campingplatz
haben wir geschoben, wurden verarztet und haben einen Schnaps für die Nerven
bekommen. Ich weiß noch, dass ich im Geheimen sauer war auf sie, dass sie falsch
gelenkt hat.

Die am rechten Knie

Wir waren an einem Bach im Wald und haben im Wasser gespielt. Da bin ich mit dem
Knie auf einen spitzen Stein im Wasser gestoßen. In den Wochen darauf habe ich
mir die selbe Stelle immer wieder aufgeschlagen.

Die, die sich vom rechten Knie außen am Bein hochzieht

…oder: Die frischeste Narbe. Die, auf die ich am häufigsten angesprochen werde.
Im Herbst 2009 habe ich bei meiner Freundin übernachtet, im Hochbett. Abends waren
wir lange wach, was mit 15 noch aufregender war und plötzlich hatte ich es
furchtbar eilig, die schon angeknackste Leiter runter zu klettern, um was zu
schreiben zu holen. Wir waren kurz davor, eine uns damals wichtig erscheinende
Handynummer zu erfahren. Wären da nicht die zwei Schrauben gewesen, die ihre
Spuren an meinem rechten Knie hinterlassen haben. Ihre Mutter wecken wollte ich
nicht, selbstlos wie ich zu sein glaubte. Am nächsten Tag, als ich Papa die Wunde
gezeigt habe, ist mir alles erst bewusst geworden, ich wurde kurz ohnmächtig. Im
Krankenhaus sagten sie, zum Nähen bzw. Klammern sei die Wunde schon zu trocken.
Seit dem ziert die zweispurige, ca. 12cm lange Narbe mein äußeres rechtes Knie
und zieht (zog) so manchen zunächst erschrockenen Blick auf sich. Am Anfang fand
ich das ziemlich schlimm, dass man sie immer sehen wird, aber nach “Als der Blues
begann” hat sich das geändert. Wir haben versucht, uns aufregendere, heldenhafte
Geschichten auszudenken. Aber es ist und bleibt ein Andenken an ein zu schnelles
Runterklettern von der halbkaputten Hochbettleiter. Wegen einer Handynummer.

Die am linken großen Zeh

Die stammt auch vom Tandemunfall.

Morbus sensum | Ergebnisse aus dem Seminar “Urban Games”

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Im Seminar Urban Games wurde durch das Element Spiel im öffentlichen Raum ein Dialog zwischen Mensch und Ort angeregt. Passant*innen werden zu Beobachter*innen, oder werden aktiv mit einbezogen. Orte werden auf neue Art wahrgenommen und gemeinsam wird die Stadt gestaltet und erlebt. Das Fremde wird vertraut. Continue reading